![]() |
||||||||
| Wolkenkratzer: „Happy Manhattans Leuchtturm wird 75 |
||||||||
| Harald Weiss |
||||||||
| Home Referenz-Texte Referenz-Fotos Die Quellen Das Team |
||||||||
|
Am 1. Mai 1931, mitten in Amerikas tiefster Depression, wurde das Empire State Building eröffnet. Nach einem Wettlauf um den Anspruch des höchsten Gebäudes übertrumpfte es mit seinen 443 Metern das Chrysler Building und wurde damit für die New-Yorker und Amerika ein Sinnbild für Leistung, Konkurrenzkampf, Größe und Aufbauwille.
|
||||||||
|
Die genaue Adresse kennen nicht einmal die meisten New-Yorker. Wer einem Taxifahrer „350 Fifth Avenue“ zuruft, bekommt zumeist die bei einer Avenue-Adressen übliche Gegenfrage: „An welcher Querstraße liegt das?“ Erst mit dem Hinweis „zwischen 33rd und 34th Street“ hellt sich das Gesicht auf „ach, das Empire State Building?“ Der Prophet gilt eben nichts im eigenen Land.
Die Einstellung der New-Yorker und Amerikaner zu ihrem symbolträchtigen Empire State Building hat sich in den letzten 75 Jahren dramatisch gewandelt. Als am 1. Mai 1931 der damalige Präsident Hoover einen Schalter umlegte und damit die Lichter und die Fahrstühle des Gebäudes einschaltete, jubelte ganz Amerika. Die Feier und die Reden wurden von allen Radiostationen im ganzen Land übertragen. Schon in den Monaten zuvor hatten sie tagtäglich über jedes Detail des Baufortschrittes berichtet und immer wieder gab es Wetten, dass sich das Projekt verzögern wird, dass es nicht so hoch wird wie das Chrysler-Gebäude oder dass die Statik zu schwach sei und es nur eine Frage von wenigen Tagen sei, bis die Baustelle einstürzen müsse. Nichts davon erweis sich als zutreffend. Im Gegenteil. In nur 13 Monaten wurde der Koloss mit einer für damalige Verhältnisse unvorstellbaren Genauigkeit hoch gezogen. So minuziös war die Planung und Logistik, dass nicht eine einzige Überstunde anfiel und das alles ohne Netzplantechnik und ohne Computer. Chef der Baufirma war William Starrett, der später in einem Interview gesagt hat: „Mein Glück war, dass das Gebäude in der tiefsten Depressionsphase gebaut wurde; nur deshalb konnte ich die allerbesten Leute einstellen.“ Damit aber hat er seine eigene Leistung weit unters Licht gestellt. Denn er war es, der die komplizierte Logistik entwickelt hatte, bei der Stahl aus Pittsburgh, Granit aus den Felsbrüchen im Mittleren Westen und Marmor aus Italien koordiniert und minutengenau anzuliefern war. Das meiste davon wurde per Schiff an die Piers am Eastriver angelandet und dort auf LKWs umgeladen. Doch da es keinen Lagerplatz an der Baustelle gab, musste alles „just-in-time“ angeliefert werden. Kein Stein oder Stahlträger, der per Schiff ankam, hat jemals den New-Yorker Boden berührt. 57.000 Tonnen Stahl wurden auf diese Art in den ersten sechs Monaten angeliefert und verbaut. Unter den Handwerkern gab es wöchentliche Prämien für die schnellste Truppe. Dadurch wurden die ohnehin schon eng angesetzten Termine noch weit unterschritten. Das Soll lag bei drei Stockwerken pro Woche, doch zum Schluss waren die Handwerker so geübt, dass sie jeden Tag eine Etage schafften. Am 14. August 1930 arbeiteten 3439 Personen auf der Baustelle; es war der Tag an dem die meisten Hände an dem Gebäude wirkten. Die dort Beschäftigten waren die Stars der Stadt. Im Bryant-Park wurden Teleskope aufgestellt, durch die man für 5 Cent ein paar Sekunden auf die Baustelle in schwindelnder Höhe schauen konnte. Viele fragten sich damals, warum man nicht höher baute und für den angestrebten Höhenrekord ein paar mehr vermietbare Etagen statt einem Antennenturm aufbaut. Doch für die damaligen technischen Möglichkeiten hatte das Empire State Building die optimale Höhe. Es gibt zwei Faktoren, die den Bau von Hochhäusern negativ beeinflussen. Das Eine ist die Stabilität der unteren Teile des Bauwerks die immer stärker werden muss, um die Hebelwirkungen der Kräfte an der Spitze abzufangen; das Andere sind die Liftschächte, die immer mehr nicht-vermietbare Fläche verschlingen. Und auch die Lifte können nur so schnell fahren, wie es die Knie und der Magen der Passagiere erlaubt. Unter diesen Restriktionen hätten ein paar zusätzliche Etagen zwar mehr Ehre aber weniger Gewinn gebracht. Das war auch einer der Gründe, weshalb das Empire State Building seinen Titel als höchstes Gebäude bis 1972 halten konnte, als es vom World Trade Center abgelöst wurde. Der zweite Grund waren die nicht realisierbaren Gewinne, denn mit der Eröffnung des Empire State Building hatte das Bauspektakel sein Ende und das Gebäude seine Attraktivität verloren. Die Mietpreise galten als weit überhöht und wer sich dort einquartierte galt als Verschwender. Außerdem war durch den Prestigebau die Depression der US-Wirtschaft nicht aufgehoben und schon bald nach der Eröffnung bekam das Gebäude von den New-Yorkern den Spitznamen „Empty State Building“. Gerüchten zufolge soll die Idee zum Film King Kong als PR-Gag entstanden sein, mit dem neue Mieter angelockt werden sollten. Doch selbst wenn es so gewesen ist erfolgreich war es auf keinen Fall, denn ausgebucht war das Haus erstmals viel später, nämlich in der Blütezeit der Dotcom-Phase. Vor allem Venture-Finanzfirmen, Anwälte und Business-Consultants hatten sich in dem Prachtbau einquartiert, um von dort aus ihre neuen Internet-Kunden in Downtown zu beobachten. Inzwischen stehen aber wieder 18 Prozent leer, und das trotz einer um 20 Prozent geringeren Miete als bei Vergleichsobjekten in der Nachbarschaft. Von Anfang an war man auf der Suche nach kreativen Nutzungsmöglichkeiten außerhalb der Bürovermietung. Eine davon war die Idee eines Zeppelinhafens. „In wenigen Jahren werden Zeppeline den amerikanischen Kontinent überqueren und einen Linienverkehr über den Atlantik und über den Pazifik hinweg betreiben. Die Spitze des Empire State Building ist eine ideale Dockingstation für diesen Luftverkehr“, sagte Al Smith 1929, damals Direktor der Empire States Building Projektgesellschaft. Der Andockmast dafür wurde sogar gebaut leider gab es nicht den erhofften Luftverkehr. Dafür aber gaben sich die Filmregisseure mit der Nutzung des Gebäudes die Klinke in die Hand. „King Kong“ gilt vor allem durch seinen jüngsten Revival als die mit Abstand bekannteste filmische Einbindung des Gebäudes, doch insgesamt stand das Gebäude im Mittelpunkt von rund zwei Dutzend Filmen. In den meisten Fällen waren es Katastrophen die vom Erdbeben (Deluge, 1933) über Elektrostrahlung (Superman, 1938) bis hin zum Atomschlag (Fail-Safe, 1964) reichten. Aber es gab auch weniger ereignisreiche Filme, wie beispielsweise Andy Warhols 8-Stunden-Stummfilm „Empire“ bei dem er eine Kamera vom 44sten Stock des Metlife-Building eine ganze Nacht lang unverändert auf das Empire State Building hielt. Beliebt ist das Gebäude nicht nur bei Regisseuren sondern vor allem bei Touristen. Über vier Millionen Besucher standen im letzten Jahr auf der Aussichtsplattform und mussten dafür häufig stundenlang in der prallen Sonne anstehen, bis sie endlich über ein kompliziertes System von Rolltreppen und kaskadischen Fahrstühlen im 86sten Stock ankamen. Für die diesjährigen Besucher geht es noch höher hinaus, denn eine bislang geschlossene Plattform auf der 102ten Etage wurde wieder für die Besucher geöffnet und lässt die Menschen und Autos auf den Straßen in Manhattan noch kleiner erscheinen. Wie weit die Aussicht reicht, beziehungsweise von wo aus man das Gebäude sieht, gehört auch in die Welt der Mythen. Nach offiziellen Angaben soll es von den Spitzen der Pocono-Berge, aus 130 Kilometer Entfernung, sichtbar sein. Doch die dortigen Rangers lächeln darüber und buchen das unter „normale Übertreibung der New-Yorker“. Die Anwohner rund um Bear Mountain behaupten steif und fest, dass man das Gebäude vom dortigen Gipfel bei klarem Wetter sehen kann, das wären immerhin 65 Kilometer und damit doppelt so viel, wie die 33 Kilometer, die die örtlichen Geografen als Obergrenze angeben. Was den Mythos des Gebäudes betrifft, so gibt es viele Erklärungsversuche. „Es ist gar kein Gebäude sondern ein Turm, ein simpler Leuchtturm von Manhattan. Aber die Leute wollen Licht, wollen aufsteigen, wollen hoch hinaus, wollen Türme bauen deshalb achten und verehren sie diesen Bau“, sagt der Futuristiker Robert M. A. Stern über das Empire State Building. In der Tat wurde die Spitze schon frühzeitig als symbolischer Lichtpunkt genutzt. Das erste Lichtzeichen gab es an der Spitze bereits 1932 um den Wahlsieg von Präsident Roosevelt anzuzeigen. Seit 1976 erlauben die Natriumdampflampen an der Spitze verschiedene Lichterspiele, über deren Wechsel und Bedeutung es viele Gerüchte gibt. Fakt ist, dass es 67 verschiedene Anlässe gibt, zu denen bestimmte Kombinationen von maximal drei Farben geschaltet werden. Geehrt werden damit öffentliche Feiertage, Berühmtheiten oder bedeutende Ereignisse, wie beispielsweise die alljährliche komplett gelbe Anstrahlung im August für die US-Open. Seit einigen Jahren gibt es jedoch im Frühjahr und im Herbst keine Lichterspiele mehr, denn die Lichter gefährden die Zugvögel. Der schwärzeste Tag des Gebäudes war zweifelsfrei der 28. Juli 1945, als ein B-25-Bomber im dichten Nebel gegen das Gebäude flog und einen Großteil der 78sten und 79sten Etage zerstörte. Bei dem Aufprall explodierten die Treibstofftanks und ein Motor sowie Teile des Fahrwerkes stürzen die Fahrstuhlschächte hinunter. Elf Menschen im Gebäude und die drei Piloten kamen dabei ums Leben. Doch das waren bei weitem nicht die einzigen Toten, die das Gebäude bislang zu beklagen hat. Genauso wie alle hohen Gebäude in der Welt, so übt auch das Empire State Building eine magische Kraft auf Selbstmörder aus. Den ersten freiwilligen Sprung in den Tod gab es bereits im April 1931, also noch vor der Eröffnung am 1. Mai und den jüngsten am 2. Februar 2006, als der 21-jährige David Abramowitz einen Weg von der mit Stahlgittern abgesicherten Aussichtsplattform zu einem Bürofenster im 66sten Stock fand, um von dort aus in den Freitod zu springen. Selbstmordsprünge waren einst sehr häufig, sind aber heute dank umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen selten. Vor dem Sprung im Februar war der letzte im Frühjahr 2004. |
||||||||
|
New York Reporters Inc. 244 Fifth Ave., #H247
|
||||||||